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Eine der evolutionär wichtigsten und den meisten Lebewesen auch eigenen Fähigkeiten ist die, sich an widrige Umstände anzupassen. Auf lange Zeit waren damit hauptsächlich Umweltfaktoren gemeint. Kaltes Klima? Mehr Körperbehaarung. Heißes Klima? Dunklere Haut. Die Liste der Beispiele kann hier endlos fortgeführt werden. In der Neuzeit ist der Anpassungsfähigkeit der Menschen allerdings eine psychologische Komponente hinzugefügt worden, und an dieser Stelle wird das ganze zum zweischneidigen Schwert. Denn wenn der Mensch sich psychologisch anpasst, dann kann das Vor- und Nachteile haben. Vorteile natürlich darin, dass ein Großteil der Menschheit relativ gut mit dem schnellen technischen Fortschritt mitkommt. Handys? Vor zehn Jahren noch neu, heute ganz normal. Internet? Aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen hat aber auch ihre Nachteile. Und zwar speziell dort, wo man sich an Missstände anpasst. Nur ein Beispiel. Seit Jahren schon wird der öffentliche Nahverkehr immer teurer. Mehr kriegen tun wir dafür aber nicht, im Gegenteil. Die Verspätungen werden immer schlimmer, es kommt immer häufiger zu Zugausfällen aus technischen Gründen, und in dem Wirrwarr der Tarife und Fahrpreise sieht eh kaum noch einer durch. Aber für viele Menschen ist das schon „normal“. Der Zug kommt fünf Minuten später? Normal. Kann man froh sein, dass es nicht noch später wird. Ich verpasse meinen Anschlusszug? Meine Schuld, ich hätte ja etwas Verspätung mit einplanen müssen und die Umsteigezeit großzügiger legen müssen. Liebe Leute: Das ist nicht normal! Wir haben uns dran gewöhnt, ja, aber das ist trotzdem nicht normal. Wenn ich sieben Euro (fast 14 D-Mark!!!) für eine einfache Fahrt von Darmstadt nach Frankfurt hinlege, dann kann ich doch denke ich auch erwarten, dass der Zug zu den auf dem Fahrplan vermerkten Zeiten fährt, oder nicht? Dass es in Einzelfällen wirklich mal Probleme gibt, für die niemand was kann, okay. Aber wenn es zur Regel wird, dann hört das Verständnis irgendwann auf. Und wenn man dann für eine zehnminütige Zugverspätung (bei einer Fahrzeit von gerade mal 18 Minuten!) nicht mal eine Erklärung oder eine Entschuldigung kriegt… das ist eine bodenlose Frechheit. Aber für viele leider schon „normal“. Das ist nur eins von vielen Beispielen. Speziell wir Deutschen sind Weltmeister im an-Missstände-gewöhnen. Klar, wir meckern gerne und viel, aber was dagegen machen tun wir nicht und bei den alle vier Jahre stattfindenden Popularitätswettbewerben wählen eh 80% der Bevölkerung das, was sie schon immer gewählt haben. Kletternde Benzinpreise? Immer höhere Steuern ohne erkennbare Gegenleistungen? Straffreiheit für Manager, die Milliarden in den Sand setzen? Dafür aber Steuerhinterziehungsprozesse gegen Klein-Mustermann, der 80 Euro hinterzogen hat? Klar, alles sehr schlimm. Aber „normal!“ Interessanterweise gibt es aber bei vielen Menschen eine eigentlich dem entgegenstehende Neigung, nämlich die Realitätsverneinung. Gerne auch mit dem Satz „es kann nicht sein was nicht sein darf“ umschrieben. Wobei nicht gesagt ist, dass sich Anpassung und Realitätsverneinung grundsätzlich ausschließen. Keineswegs, es gibt Menschen, die sich an alle Missstände gewöhnen, aber beharrlich behaupten, das sei alles die alleinige Schuld von Sündenbock 0815 (welcher auch immer gerade herhalten darf), selbst wenn man ihnen klare Gegenargumente präsentiert. Besonders verbreitet scheint die Realitätsverneinung aber in Wirtschaft und Politik zu sein. Hatten wir eine Wirtschaftskrise? Hat die uns Milliarden gekostet? Alles nur wegen der grenzenlosen Profitsucht von ein paar Managern, die den Hals nicht voll genug kriegen konnten? Nein, kann gar nicht sein. Denn wenn dem so wäre müssten wir ja vielleicht tatsächlich mal was fundamental ändern anstatt das Problem einfach mit Steuergeldern zu bewerfen bis es irgendwie wieder verschwindet. Und vielleicht müssten wir ja sogar was aus der Krise lernen, anstatt genau so weiterzumachen wie bisher. Kann nicht sein, darf nicht sein. Alles wie immer. Status Quo lebe hoch! Oder auch auf dem Parteitag von SPD. An der größten Wahlschlappe der Nachkriegszeit sind natürlich immer andere Schuld. Und dass der Mann, den 77% der Deutschen definitiv NICHT als Kanzler haben wollten, jetzt für den „neuen Anfang“ Fraktionsvorsitzender ist? Ein Widerspruch? Nein, kann nicht sein, darf nicht sein. Und anstatt mal darüber nachzudenken, was man selber als Partei falsch gemacht hat, verlegt man sich lieber darauf, die sicherlich kommenden Fehler der Regierungsparteien auszunutzen und sich selbst dann als die hinzustellen, die es natürlich hätten besser machen können. Auch wenn das Gegenteil schon bewiesen ist. Aber was nicht sein darf...
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